Umstände des Todes von Fritz Kracke 09. Juni 1940 (WW2)

Schütze Fritz Kracke, geboren 26. Juli 1920 in Delmenhorst, diente während des 2. Weltkrieges im 4. (M.G.) Infanterieregiment 154 der 58. Infanteriedivision.

Das 154. Infanterieregiment wurde am 26. August 1939 als Regiment der sogenannten zweiten Welle in Oldenburg aufgestellt. Die 16 Infanteriedivisionen der 2. Welle wurden bis 1938 als Reservedivisionen bezeichnet. Ihre Gliederung und Waffenausstattung wichen von denjenigen der l. Welle geringfügig ab. Die Mobilmachung dieser Divisionen wurde mit denjenigen der l. Welle insofern eng gekoppelt, als sie von der aktiven Friedenstruppe Stämme an aktivem Personal einschl. Offizieren erhielten; außerdem hatten die aktiven Divisionen die Mobilmachung der Divisionen der 2. Welle zu leiten. Ihre Divisionsstäbe gingen meist aus den hierfür bei einem Teil der Friedensdivisionen vorhandenen Stäben der Infanterie- oder Artilleriekommandeure hervor. Zur personellen Auffüllung wurden Reservisten I (voll ausgebildete Reservisten mit mindestens einem Jahr Wehrdienstzeit) und, soweit erforderlich, Reservisten II (Wehrpflichtigen der „weißen Jahrgänge” vor 1914 mit
Kurzausbildung von 2 – 3 Monaten) und Landwehrpflichtige herangezogen. Es war zu erwarten, dass die Inf. Divisionen der 2. Welle kurze Zeit nach ihrer Aufstellung voll verwendungsfähig sein würden.

Das „Patenregiment” des IR 154 war das in Delmenhorst beheimatete IR 65, welches wie-
derum 1935 aus dem 1. Bataillon des Infanterie-Regiments 16 hervorgegangen war. Als
Ersatz für die Abgabe des IR 16 an IR 65 wurden aus Kräften der Landespolizei ein neues
1. Bataillon im IR 16 gebildet. Insoweit ist erklärlich, dass Hans Meyer nach Erzählungen
zuvor bei der Polizei gewesen sein soll.
Die Gliederung eines solchen Regiments sah wie folgt aus:

  1. Regimentsstab mit Stabszug
  2. Regimentsstroß (Versorgungseinheiten)
  3. Regimentseinheiten: Nachrichtenzug; Reiterzug; Pionierzug
  4. Drei Infanterie-Bataillonen mit je drei Schützen- (Infanterie-) und einer Maschinengewehrkompanie. Die Kompanien sind im Regiment durchnumeriert, somit hatte das
    a. Bataillon: 1. – 3. (Infanterie-) und 4. (MG-) Kompanie
    b. Bataillon: 5. – 7. (Infanterie-) und 8. (MG-) Kompanie
    c. Bataillon: 9. – 11. (Infanterie-) und 12. (MG-) Kompanie
  5. Infanterie-Geschütz-Kompanie : 13. Kompanie
  6. Panzerjäger-Kompanie : 14. Kompanie
  7. Regimentsmusik
  8. leichte Infanteriekolonne (Nachschubeinheit)

Vom 7. – 10. Oktober 1939 wurde das Regiment an die Mosel verlegt. Am 24. Oktober 1939 wurde es dann in die Festungsfront nordwestlich von Trier bei Wasserbillig – Metzdorf – Mesenich eingebunden. Am 23. Januar 1940 verlegte das Regiment mit der Division auf den Truppenübungsplatz Ohrdruf. Dort schieden die älteren Jahrgänge aus dem Regiment aus und wurden durch junge Rekruten ersetzt. Am 11. März 1940 verlegte das Regiment wieder nach Westen in den Raum Saarburg. Am 10. Mai 1940 überschritt es bei Trier die französische Grenze. Nachdem Luxemburg-Stadt durchquert worden war, wurde am 22. Mai Arlon erreicht und die 68. Infanterie-Division bei Carignan – Mouzan – Vaux abgelöst. Hier bezog das Regiment hinter der Hauptkampflinie (HKL) am Nordufer der Maas als Reserve Unterkunft. Am 25. Mai wurde das Infanterie-Regiment 70 westlich der Maas durch die Division abgelöst, so dass die Divisions-Front folgendermaßen war: links IR 209 westlich von Beaumont, dann IR 154 zwischen Beaumont und der Maas, dann Aufklärungs-Abteilung 158 und ganz rechts IR 220. Am 27. Mai 1940 begann der Angriff der Regimenter auf das Waldgebiet Bois d’Inor und das Dorf Inor, welches genommen wurde. Am 30. Mai 1940 wurde das Regiment aus der Front genommen und durch Einheiten der 71. Infanterie-Division ersetzt. Am 9. Juni 1940 begann der deutsche Angriff nach Süden. Das Regiment hatte den Wald von Bais de La Vaché zu nehmen, wurde aber unter schweren Verlusten zurückgeworfen. Erst mit dem Rückzug der Franzosen am 11. Juni konnte das Regiment den Vormarsch nach Süden antreten. Am 16. Juni wurde die Maas bei Dun-sur-Meuse überschritten, am 17. Juni Verdun erreicht und am 19. Juni Toul genommen. Im Anschluß daran nahm das Regiment an den Kesselkämpfen bei Toul teil.

Soweit, was Hans-Henning Ostermeyer aus ihm zugänglichen Quellen bekannt ist. In einem Brief des Vetters von Hans Meyer (Bataillonskommandeur des 1. Bataillons Infanterieregiment 154) vom 11. Juni 1940 wird die Situation weiter in Einzelheiten beschrieben:

„…Sehr schwere Tage liegen hinter uns. Das 1.Batl., nicht vorn eingesetzt, sondern zur Verfügung des Regiments in Reserve liegend, allerdings im Bereich der französischen Festungs-Artillerie, hatte bereits seit dem 5. Juni unangenehme Verluste. Für Samstag, den 9. Juni wurde auf Befehl ein Grossangriff unserer Division angesetzt mit dem Ziel, die französischen Linien auf dem Schwenk-Punkt der Maginot-Linie, bei Stenay etwa, zurückzuwerfen. Hierzu wurde auch das 1. Batl. Eingesetzt und zwar wieder, wie bisher, in zweiter Linie. Morgens um 6 Uhr, nach verhältnismässig guter Artillerie-Vorbereitung, trat dasin erster Linie kämpfende 2. Batl. aus dem Graben und errang einen schönen Anfangs-Erfolg, der im Verlauf der nächsten Stunden allerdings durch stärkstes feindliche Artillerie-Gegenwirkung stark beeinträchtigt wurde. Um kurz vor 8 Uhr wurde das 1. Batl. auf Befehl des Regiments zur Verstärkung des 2. Batl. Eingesetzt und zwar wieder in der Reihenfolge: 2., 3., 1. Komp. Ich trat mit meiner Komp. sofort an und erreichte an der Spitze meiner Komp. auch ziemlich schnell den Anschluss an das 2. Batl., blieb späterhin aber im heftigen feindlichen Artillerie-Sperrfeuer, sowie feindlicher Machinengewehr-Tiefenwirkung vor Pont Goudron Ferme, etwas südlich von Beaumont en Argonnes liegen. Die feindliche Flankenwirkung musste ausgeschaltet werden, dazu wurde von Hans persönlich die 3. Komp., also letzte Komp. unseres Batl. angesetzt. Dieser Stoss gelang trotz allerheftigstem Artillerie-Feuer. Späterhin ging Hans in ein Links von uns liegendes Waldstückchen, um von dort den Angriff meiner Komp., sowie der 1. Komp., die inzwischen ebenfalls Boden gewonnen hatte, weiterhin zu leiten und zu unterstützen. Diese Waldstückchen wurde im laufe der Nachmittags-Stunden derart unter Artilleriefeuer genommen, dass wirklich mit dem schlimmsten Folgen gerechnet werden musste. Und so war es auch. Ein Volltreffer nach dem anderen dezimierte die Besatzung. Stärkste Verluste hatten wir und dort wurde auch Hans gegen 13 Uhr so schwer getroffen, dass er sofort verschied.” Hans Meyer starb am 9. Juni 1940 an einem Brustschuss in Bais de la Vaché. Er wurde in einem Einzelgrab am Ferme Goudron an der Straße von Beaumont-en-Argonnes nach Laneuville-sur Meuse bei-gesetzt. Aus dem Schreiben vom Volksbund für Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. geht hervor, dass Fritz Kracke ebenfalls am 09. Juni 1940 starb und somit wohl bei den gleichen Kampfhandlungen gefallen ist.
In den 60’er Jahren erfolgte die Umbettung auf den Friedhof in Noyers-Pont-Maugis (Block 1, Reihe 35, Grab Nr. 2183). Hans Meyer und Fritz Kracke liegen gemeinsam auf einer Grabstelle.

Die genau Lage der Kampfhandlungen kann anhand einer weiteren Quelle nachvollzogen werden. Im Familienbesitz (der Familie Ostermeyer) befindet sich ein Büchlein mit dem Titel „Unser Kompanie – Kriegserlebnisse 1939/1940″. Darin schildern verschiedene Angehörige der 3. Kompanie des Infanterieregiments 154 die Ereignisse von der Mobilmachung bis zum Herbst 1940. Enthalten ist auch folgende Kartenskizze:

Gegend um Beaumont en Argonne
In der Mitte ist der Wald „Vais de la Vaché“ auszumachen

Dabei heißt „Vais“ soviel wie „Wäldchen“. Eingezeichnet sind weiter einige Höfe. „Ferme“ (oder abgekürzt „Fme.“) ist der französische Begriff für Hof. Einen Ferme Goudron kann man allerdings nicht ausmachen.

Jedenfalls lässt sich die Skizze ohne Weiteres mit aktuellen Karten und Satellitenaufnahmen vergleichen. In Google Earth ergibt sich folgendes Bild:

Ausschnitt aus Google Earth im relevanten Bereich

Etwas näher geholt kann man den Bais de la Vaché genau entsprechend der Skizze von 1940 erkennen.

Bais de la Vaché

Geht man noch etwas näher dran, kann man das Vorhandensein von Bildern erkennen:

Gezoomt süd-westlich Bais de la Vaché

Dort befindet sich (nach den Bildern zu urteilen) eine Gedenkstätte für die
Gefallenen der Kämpfe Mai-Juni 1940.

 


 

Original Ausarbeitung von
Hans-Henning Ostermeyer (Email
) – September 2009

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